Ein Abend in der Faneshütte.
In der einladenden Gaststube sind alle Tische besetzt: Bergsteiger, Wanderer und Ausflügler aus den Talorten genießen die letzten Stunden des Tages. Das Essen hat geschmeckt, und langsam beginnt der Rotwein die Zungen zu lösen.
Wahre Geschichten machen die Runde, Erinnerungen werden wach und eine lockere, heitere Stimmung kommt auf. Keiner kann sich dieser Stimmung entziehen, auch nicht der grimmig dreinblickende Einzelgänger, der grantig in der Ecke sitzt.
Die groben Wirtshaustische scheinen nun kleine Sprachinseln zu werden, denn so international wie die Menschen sind auch die Sprachfetzen, die durch die Hütte schwirren: hier ein paar Einheimische mit ihrem wohlklingenden ladinischen Dialekt, beim Kachelofen hinten eine Gruppe junger Italiener, gleich daneben eine Runde gestandener Bayern, die sich mühen, mit den Tischnachbarn aus Hamburg ins Gespräch zu kommen. Vorne an der Tür sitzen französische Kletterer, die die steilen Kalkplatten des Neuners hierher gelockt haben, und am Tresen steht ein Engländer, der sich damit abquält, der Bedienung aus dem Pustertal begreiflich zu machen, dass er zum Tee unbedingt Milch braucht.
Irgendwer stimmt ein Lied an, zaghaft zunächst, dann immer sicherer; ein anderer holt die Gitarre von der Wand und biegt den Ton in die richtige Richtung.
Kaum ist das erste Lied verklungen, schallt schon aus einer anderen Ecke ein neues Lied. So geht es nun "Schlag auf Schlag" und es entsteht ein richtiger Sängerwettstreit.
So unterschiedlich wie die Menschen, die sich hier oben getroffen haben, sind auch ihre Lieder: die leichtfüßigen Weisen der Italiener, die schwermütigen Seemannslieder von der Nordsee, die Marschlieder der Bayern, aus denen man die Tritte der Bergstiefel zu hören glaubt.
Es ist ein friedlicher und lang anhaltender Wettstreit, der schlussendlich mit einer gemeinschaftlichen Darbietung der Lieder endet, die allen bekannt sind.
Längst schon sitzt nicht mehr jeder auf seiner Sprachinsel, sondern hat mit dem Glas in der Hand seinen Platz gewechselt und unterhält sich mit "Händen und Füßen": Und so entsteht im "Reich der Fanes" ein kleines "Vereintes Europa", in dem sich die Menschen über alle politischen und wirtschaftlichen Grenzen und Probleme hinwegsetzen.